Das Loch (Bulletin 42/1999)
von
Jean Guillaumet, AMS
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Das Loch

Ich bin das Loch! Das heisst, ich bin nichts! Ohne etwas um mich herum existiere itch nämlich gar nicht. Mein Name, französisch "le trou", ist laut "Larousse" dem Gallischen entlehnt und somit älter als das Lateinische! Übrigens, welchen Namen man mir auch immer gegeben hat, ich habe immer existiert. Vor der Entstehung unserer Milchstrasse war da das grosse Loch, und das war das Nichts. Ich kann verschiedene geometrische Formen annehmen, aber die Form, die ich am häufigsten annehme, ist das Rund. Wie ich oben erwähnte, existiere ich ohne etwas um mich herum gar nicht. Nehmen wir einmal den häufigsten Fall des Rundloches: Tatsache ist, dss es ohne den Kreis, der mich abgrenzt, gar kein Loch gäbe. Ich bin also im allgemeinen in ein beliebiges Material eingeschlossen, das so gut ganz hart wie ganz weich sein kann.

Ich sage "im allgemeinen", denn ich existiere auch im Nicht-Materiellen: Wer von uns hat noch nie ein "Erinnerungsloch" - eine Gedächtnislücke - gehabt? Man verwendet mich auch in abschätziger Bedeutung: Sagt man nicht von einem kleinen Dorf oder einem Weiler, es sei "ein Loch"?

Noch schlimmer, wenn man euch ins Gefängnis steckt, wirft man euch "ins Loch". Dieser Ausdruck weckt die Erinnerung an die Burgverliese, Gefängnisse, die eher "Löcher" ohne Boden oder ohne Hoffnung waren.

Noch weniger greifbar wird es, obwohl Luft ja sicher ein Stoff ist  - wenn ein Flugzeug in Turbulenzen gerät und man dann von „Luftlöchern" spricht. Es wäre schwierig, die Begrenzung dieser Löcher zu bestimmen. Wenn von Geld die Rede ist und man eine Schuld begleicht, "stopft man ein Loch". Und dann die Löcher im Emmentaler: Je mehr Löcher im Käse, desto zufriedener der Kunde.

Ihr Leser und Mitglieder der AMS werdet euch wohl fragen, was diese Löchergeschichte im Bulletin zu tun habe? Auf was soll diese Löcherphilosophie hinauslaufen? Nur Geduld.

Das allerberühmteste aller Löcher habe ich auf den Schluss aufgespart, und ich bin sicher, dass ihr schon fast er­ raten habt, um welches Loch es sich handelt!

Es ist natürlich das Loch der Meccano-Teile!

Ihr müsst ja zugeben, dass es ohne mich kein Meccano gäbe.

Frank Hornby hat die Möglichkeiten, die ich bot, voll ausgeschöpft und hat mich in verschiedenen Formen vielfach verwendet. Im allgemeinen bin ich perforierend, d.h. ein Loch ohne Boden. Bin ich in etwas dickerem Material eingeschlossen, kann ich auch Windungen aufweisen.

Die Familie der Rundlöcher ist am häufigsten vertreten,   gefolgt von der der Länglichen. Neulich ist eine neue Familie die der sechseckigen, im Schraubensortiment erschienen. Über verschiedene weitere Lochformen, die man gelegentlich im System von Herrn Hornby trifft, will ich mich nicht näher äussern.

Ich spiele eine wichtige Rolle, denn ohne mich ist kein Zusammenbau möglich.

Übrigens, versucht doch bitte die mich begrenzende geometrische Form  möglichst nicht zu beschädigen. Ihr könnt euch nämlich nicht vorstellen, wie unangenehm es ist, sich nicht " in Form" zu fühlen! Dasselbe gilt, wenn ihr mich braucht um Wellen durchzuziehen, die sich mehr oder weniger schnell drehen schlimmer als ein Zahnarztbohrer! Verschont mich also mit dieser Tortur und verstärkt mich mit einem Wellenlager (kleine Handkurbel 62).

Ich will mich nicht weiter über meine Rolle bei der Pflege eures Hobbys auslassen. Es ist bloss mein Wunsch, dass ich noch während vielen Jahren das köstliche Gefühl, von Schrauben und Wellen durchbohrt zu wer­ den, erleben darf und dass ich so dazu beitragen kann, eure wunderschönen Modelle zu verwirklichen.

Zum Schluss möchte ich ja nicht pessimistisch werden - doch eines hoffentlich noch fernen Tages werdet auch ihr die Bekanntschaft des Verhasstesten aus unserer Familie machen, dem niemand - und so ist das Leben - entrinnen kann.

Doch denken wir noch nicht daran - freuen wir uns an unserem Meccano!

Trou la laitou......

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Meccanographie von Hans Faust "Das Loch"